„Basisabsicherung“ statt Lebensleistung? Ostdeutschland zweifelt an Merz’ Rentenplan
Die gesetzliche Rente als safety net – dieses Konzept, das Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) jüngst bekräftigte, löst in Ostdeutschland tiefe concern aus. Dort, wo viele Menschen über Jahrzehnte auf stabile soziale Absicherung angewiesen waren, klingt die Formulierung nach Herabstufung eines Versprechens, das der Staat einmal gab. Die Abhängigkeit von der gesetzlichen Rente ist im Osten nicht nur eine statistische Tatsache – sie ist Lebenswirklichkeit. Wie Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) betont, fehlten vielen dort jahrelang die opportunity , sich zusätzlich abzusichern. Ein System, das im Westen mit Betriebsrenten und privater Vorsorge wuchs, blieb im Osten oft nur halb angekommen.
Die Ungleichheit zeigt sich in Zahlen: Laut Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) sind es 75 Prozent der Menschen im Osten, die heute ausschließlich auf die gesetzliche Rente setzen – im Westen nur 52 Prozent. Und das, obwohl auch dort low-income kaum Spielraum für zusätzliche savings haben. Die Löhne im Osten liegen laut offiziellen Daten brutto um 17 Prozent unter denen im Westen – eine strukturelle Kluft, die sich über Jahrzehnte verfestigt hat. Wer weniger verdient, hat weniger übrig – und weniger Zugang zu betrieblicher oder privater Altersvorsorge.
Dabei wollen viele durchaus mehr für das Alter tun. Eine YouGov-Umfrage im Auftrag von Axa zeigt: Die Hälfte der Befragten würde gerne mehr save , kann es sich aber nicht leisten – gestiegene Preise machen es schwer. Und während 51 Prozent nicht nur auf die gesetzliche Rente setzen wollen, sehen 35 Prozent insgesamt die Hauptverantwortung beim Staat. Besonders bei jungen Erwachsenen ist diese Erwartung hoch: Unter den 18- bis 24-Jährigen sind es 40 Prozent. Der Sozialstaatsradar des DGB untermauert dies: Drei Viertel der Befragten wären bereit, höhere Beiträge zu zahlen – auch junge Erwachsene –, wenn dafür die Rentenleistung stabil bleibt oder steigt.
Doch die Politik hat sich vor über 20 Jahren anders entschieden: Um labor costs zu begrenzen, wurde das gesetzliche Rentenniveau von 53 auf 48 Prozent gesenkt – eine rechnerische Größe, die zeigt, wie stark die Rente zum durchschnittlichen Verdienst steht. Seither gilt das Drei-Säulen-Modell als Leitbild – staatlich, betrieblich, privat. Doch die Realität hinkt: Nur 38 Prozent der Beschäftigten werden keine Betriebs- oder Riester-Rente erhalten, bei Geringverdienern sind es sogar 55 Prozent. Die Betriebsrente bleibt oft Privileg großer Unternehmen. Und die Riester-Rente erreicht vor allem Menschen mit höherem Einkommen oder stabiler Beschäftigung – nicht jene, die sie am nötigsten bräuchten.
Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) versucht, Merz’ Aussage zu entschärfen: Der Kanzler habe nur auf eine Entwicklung hingewiesen, die längst stattfinde. Doch die perception bleibt: Die gesetzliche Rente soll weiter zurückgedrängt werden – zugunsten privater Versicherungslösungen. Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek sieht darin eine favor für die Branche, nicht für die Menschen. Wer am Monatsende nichts übrig hat, für den ist private Vorsorge kein Option, sondern Illusion. Und wer darauf warten muss, bis der Staat handelt, könnte am Ende unter die Räder geraten.
Im Osten war die gesetzliche Rente nie Luxus – sondern Existenz. Wer das nicht versteht, versteht Ostdeutschland nicht.
Warum sollte ich in ein System zahlen, das mir sagt, ich sei allein verantwortlich – wenn ich gerade mal die Miete stemme?
Mein Vater hat 45 Jahre geschuftet und kriegt jetzt kaum mehr als Hartz IV. Gerechtigkeit sieht anders aus.
Die data Statistik lügt nicht: Ohne Betriebsrente oder Erspartes wird’s eng. Aber Daten erklären nicht das Leben.
Merz redet von Sicherheit, aber sieht nur die, die schon etwas haben. Die gap Kluft zwischen Arm und Reich wächst – und die Rente soll schrumpfen?
Die gesetzliche Rente muss stärker werden – nicht zur Absicherung des minimum Existenzminimums, sondern für ein gutes Alter für alle.
In meiner Firma gibt’s betriebliche Altersvorsorge – aber nur für die Festangestellten. Die Leiharbeiter? Fehlanzeige.
Ich bin 28 und traue dem Staat nicht – aber auch der Bank nicht. Wo soll ich mein Geld hinlegen? Zwischen den Stühlen.