Correctiv und das »Geheimtreffen«: Viel Theater, zu wenig Journalismus

Ein Investigativbericht als Theaterstück – und am Ende eine juristische Abfuhr: Der Fall um Correctivs Recherche »Geheimplan gegen Deutschland« zeigt, wie public trust in den Journalismus unter pressure geraten kann, wenn Form und Wahrheit auseinanderdriften. Die szenische Aufbereitung des Textes, gegliedert wie ein Drama mit Prolog, drei Akten und Epilog, schaffte starke Bilder – doch das Landgericht Berlin stellt nun klar: Die zentrale Behauptung sei »im Wesentlichen unwahr« und dürfe nicht weiterverbreitet werden.

Im Januar 2024 hatte Correctiv behauptet, bei einem Treffen nahe Potsdam sei ein sogenannter »Masterplan« besprochen worden, um deutsche Staatsbürger auszuweisen. Teilnehmer waren unter anderem Politiker der CDU und AfD sowie der rechte Aktivist Martin Sellner. Diese Darstellung löste eine Welle der Empörung aus – Hunderttausende gingen auf die Straße, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. Doch wie nahe war der Bericht an der Realität? Das Gericht in Hamburg hatte zunächst gemeint, es handle sich um eine zulässige Meinungsäußerung – die Sprache war zweideutig genug, um strafrechtlich geschützt zu sein.

Doch das jüngste Urteil aus Berlin zieht eine andere Linie. Es lässt sich nicht von dem dramatic tone und der theatralischen Inszenierung blenden. Stattdessen betont das Gericht: Bei dem Treffen sei nie explizit von einer Ausweisung deutscher Staatsbürger die Rede gewesen. Damit nimmt das Urteil Correctiv in die Pflicht – und erinnert daran, dass journalistische responsibility nicht in pompösen Enthüllungsszenarien besteht, sondern in akribischer Faktenarbeit.

Denn tatsächlich gibt es in rechten Kreisen durchaus Überlegungen zur sogenannten »Remigration« – ein Konzept, das auf einer ethnisch homogenen Vorstellung von Deutschland beruht. Ob das legal möglich wäre, ist mehr als fraglich. Doch anstatt diese real risk mit Sorgfalt zu untersuchen, wählte Correctiv den direkten Weg: eine suggestive, emotional aufgeladene Darstellung. Der Schaden ist groß – nicht nur für die Glaubwürdigkeit des Mediums, sondern für das gesamte journalistische Umfeld.

Reaktionen 6

  • K
    Klaas

    Wenn Medien selbst zur public show werden, verlieren sie die Kontrolle über die Wirkung – und die Wahrheit.

  • M
    Maren23

    Hunderttausende gingen auf die Straße, basierend auf einer Behauptung, die nun als unwahr gilt. Das ist kein minor error , das ist schwerwiegend.

  • T
    TobiasR

    Interessant, wie das Hamburg-Urteil noch Schutz als Meinungsäußerung sah – Berlin zieht jetzt eine klarere Linie. Zeigt, wie unscharf die Grenze manchmal ist.

  • A
    anja_l

    Der real pressure liegt jetzt auf Correctiv: Wie reagiert man auf die Kritik? Mit Reue oder mit weiteren Erklärungen?

  • S
    StefanV

    Das Problem ist nicht die Aufregung, sondern dass seriöser Journalismus durch solche shortcuts leidet. Wer glaubt noch an Enthüllungen?

  • F
    Frieda_N

    Sellner und Co. spielen mit dem Feuer – aber Journalisten dürfen nicht das Holz liefern, nur weil es dramatic impact hat.

Der Text basiert auf Fakten und wurde zum Englischlernen neu gestaltet; die Reaktionen der Leser sind Beispiele verschiedener Perspektiven.

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